Saudisch-iranische Krise im Libanon

„Hochrisikopolitik“ nannte es Gudrun Harrer vor zwei Wochen, was der junge saudische Kronprinz Muhammad bin Salman unternahm, um seine eigene Macht zu festigen und Reformen im Königreich umzusetzen. Tatsächlich zeigt eine Analyse, dass „MbS“ seine Agenda äußerst zielstrebig und nicht gerade risikoavers umzusetzen versucht. Es ist nicht zu weit hergeholt, anzunehmen, dass eine neue Ära der saudischen Außenpolitik eingeläutet wird, sollte sich der Kronprinz durchsetzen können. Eine Ära, in welcher das konservative Königreich proaktiv und risikobereit versucht, den Einfluss Irans einzudämmen. Stattdessen wird versucht, seine Interessen möglichst auch mit Gewalt durchzusetzen anstatt wie bisher außenpolitische Risiken zu minimieren.

Dies scheint sich nun auch im Fall des Libanon zu bestätigen. Dessen Ministerpräsident, Saad Hariri, erst seit November 2016 im Amt, ist am 4. November zurückgetreten. Hariri ließ verlautbaren, er fürchte um sein Leben, da ein Attentat auf ihn seitens Irans oder der Hizbollah geplant sei. Der Zeitpunkt dieses Rücktritts sorgte allerdings für allerlei Spekulationen: Michel Aoun, der Präsident des Libanon, erklärte, er sei der Meinung, Saudi-Arabien habe Hariri zum Rücktritt gezwungen. Der Generalsekretär der Hizbollah, Hassan Nasrallah, erklärte sogar, Saudi-Arabien habe dem Libanon und der Hizbollah, eine Verbündete Irans, „den Krieg erklärt“.

Hariri befindet sich im Augenblick in Saudi-Arabien und es wird gemutmaßt, dass er dort auch bleiben wird. Dies heizt natürlich Spekulationen an – und befeuert einen weiteren regionalen Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran beziehungsweise deren Proxys im Libanon.

Auslöser [der neuerlichen Konfrontation zwischen Saudi-Arabien und Iran, Anm. des Autors] war der Rücktritt des libanesischen Premiers Saad Hariri, den er kurioserweise in Saudi Arabien verkündete, wo er seitdem abgetaucht ist. Nun wird viel spekuliert. Ist Hariri nach Saudi Arabien geflohen, weil er, wie er bei seinem Rücktritt selbst erklärt hatte, Angst vor einem Mordkomplott der Hisbollah hatte? Oder wurde er in Saudi Arabien unter Hausarrest gestellt und aus dem Verkehr gezogen, weil er zu wenig auf Konfrontationskurs mit seinem Regierungspartner Hisbollah gegangen war? Festzuhalten ist, dass seitdem ein Krieg der Worte zwischen Saudi Arabien und Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah ausgebrochen ist. Nasrallah wirft Saudi Arabien vor, der Hisbollah den Krieg erklärt zu haben.

Es scheint klar zu sein, dass die jetzige Krise im Libanon auf eine internationale Krise zusteuert. Es sei einmal dahingestellt, ob der Iran tatsächlich ein Attentat auf Hariri geplant hat, oder ob die Saudis hinter seinem Rücktritt stecken – beide hätten etwas davon. Iran, weil er damit seine Einflusszone bis ans Mittelmeer ausgedehnt hätte (das hierzu passende Stichwort lautet „schiitischer Halbmond“) und Saudi-Arabien, weil hierdurch eine weitere Front gegen den Iran eröffnet werden könnte. Trifft letzterer Fall zu, mit den Worten Karim el-Gawharys ausgedrückt, hätte Riyad die „Flucht nach vorne“ angetreten. So oder so, man steuert jetzt auch im Libanon auf eine Konfrontation zu.

Denn es stimmt, der Iran hat seinen Einflussbereich gegenüber Saudi-Arabien behaupten können und seit Muhammad bin Salman die mit Abstand wichtigste Figur in Riyad geworden ist, neigt man auch einer etwas risikofreudigeren Außenpolitik zu. Diese heißt: Konfrontation. Nachdem Saudi-Arabien es nicht einfach zulassen kann, dass der iranische Einfluss, ob real oder nur wahrgenommen, bis zum Mittelmeer reicht, versucht man nun, diesem aktiv entgegenzutreten und seine eigene Position möglichst zu festigen.

Auf den ersten Blick scheint es daher verwirrend, dass eine Figur, die im saudisch-iranischen Kalten Krieg an sich auf der saudischen Seite stünde, geopfert wird. Zumindest, bis man sich die folgende Kalkulation vor Augen führt: Die Saudis teilen das Alptraum-Szenario, dass ein „schiitischer Halbmond“ sich bis zum Mittelmeer erstreckt mit, unter anderem zwei wichtigen Akteuren: Israel und den USA. Spekulieren die Saudis, dass Israel im Falle einer Konfrontation mit der Hizbollah militärisch erfolgreich sein würde und so der Einfluss dieser schiitischen Miliz im Libanon gebrochen werden könnte, muss ein solcher Konflikt ausgelöst werden, der Israel zum Eingreifen zwingt.

Wenn also Saudi-Arabien erfolgreich den Eindruck vermitteln kann, dass der iranische Einfluss im Libanon nicht mehr durch einen sunnitischen bzw. christlichen Einfluss auf den höchsten Ebenen ausbalanciert wird und die Hizbollah, deren erklärtes, ideelles Ziel es ist, Israel zu zerstören, nunmehr alleine den Libanon kontrolliert, provoziert dies möglicherweise Israel zu einem Eingriff. Im Idealfall wären auch die USA mit von der Partie, doch darauf wird sich Riyad nicht verlassen können. Die Vereinigten Staaten hatten schon einmal Bodentruppen im Nahen Osten stationiert (ironischerweise im Libanon) und keine guten Erfahrungen damit gemacht; nicht zu vergessen die katastrophalen Erlebnisse in Afghanistan und Irak.

Nun, was bedeutet das für die Zukunft des Libanon? Obgleich man hofft, dass ein Eskalieren der Gewalt vermeidbar ist, gerade im Libanon, der ohnehin bereits einen langen und blutigen Bürgerkrieg erdulden musste, steht genau dies zu befürchten. Saudi-Arabien steht, was den iranischen Einfluss betrifft, an der Wand, zumindest wird es das selbst so sehen. Im Syrischen Bürgerkrieg wird sich Assad, ein Verbündeter Teherans, durchsetzen, im Irak selbst ist der iranische Einfluss so groß wie nie zuvor und auch in Qatar und Jemen läuft es ganz und gar nicht so, wie sich die Saudis das wünschen würden.

Riyad kann es sich nicht leisten, auch noch den Libanon an die Iraner zu verlieren und riskiert dabei, das fragile politische Gleichgewicht völlig zum Einsturz zu bringen. Weiters stellt man sich die Frage, wie sich eine Konfrontation zwischen Israel und der Hizbollah abspielen soll; dies hat schon einmal nicht funktioniert und es ist fraglich, ob sich Jerusalem in einen solchen Konflikt ziehen lassen will.

Mehr zum Thema

BBC News (2017): Lebanon Hariri crisis: President Aoun demands Saudi answers

Harrer, Gudrun (2017): Der saudisch-iranische Kompromiss im Libanon ist beendet, Der Standard

McDowall, Angus (2017): Lebanon’s Hariri visits UAE as home crisis escalates, Reuters

Nakhoul, Samia/Bassam, Laila/Perry, Tom (2017): Exclusive – How Saudi Arabia turned on Lebanon’s Hariri, Reuters

Der Standard (2017): Europäer und USA: Hariri nicht unter Hausarrest in Saudi-Arabien

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