Riyad riskiert viel und gewinnt wenig

Es ist eine höchst interessante These, welche der Politikwissenschafter Ian Bremmer unlängst auf Twitter aufgestellt hatte: In der kommenden Dekade würden die Beziehungen der Vereinigten Staaten zur Islamischen Republik Iran signifikant besser sein als zum absoluten wahhabitischen Königreich Saudi-Arabien. Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass die Prognosefähigkeit der Politikwissenschaft limitiert ist; in einem einzigen Jahr kann sehr viel passieren, geschweige denn, in einer Dekade. Doch im Augenblick sieht es so aus, als könnte der NYU-Professor recht behalten.

Sollte König Salman – dass dieser unter starkem Ein­fluss seines als im­pul­siv gel­ten­den Sohnes Mu­ham­mad steht, ist ein of­fe­nes Ge­heim­nis – mit seiner Politik so fortfahren wie bisher, riskiert er nicht nur die Un­ter­stüt­zung des „Westens“ und ins­be­son­de­re der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, sondern auch die Exis­tenz Sau­di-Ara­biens selbst. Die Massenhinrichtungen in Saudi-Arabien vergangenen Freitag provozierten Ausschreitungen in der iranischen Hauptstadt Teheran, im Zuge derer die saudische Botschaft attackiert und verwüstet wurde. Als Konsequenz brach Riyad die diplomatischen Beziehungen zum Iran ab — ein ausgesprochen drastischer Schritt.

Riyad provoziert einen Konflikt mit dem Iran, den es nicht gewinnen kann und wenn doch, dann nur zu einem enorm hohen Preis. Nehmen wir nur als Beispiel den Konflikt im Jemen. Hier unterstützt der Iran die zayditischen Huthi-Rebellen militärisch und logistisch – eine politische Zweckehe, da sich Saudi-Arabien auf Seiten der jemenitischen Regierung gestellt hat. Fakt ist, dass das Königreich in einem asymmetrischen Konflikt engagiert ist, einen Konflikt, den es, ist sein Ziel die Befriedung des Landes, nicht gewinnen kann. Ein anderes Beispiel wäre die Unterstützung des I.S. durch die Saudis; die Kontrolle über solche jihadistischen Gruppen in Syrien ist Riyad vollständig entglitten, sofern es diese jemals hatte. Unter anderem der I.S. bedroht nun Saudi-Arabien selbst.

Insgesamt engagiert sich Saudi-Arabien an zu vielen Fronten, selbst für einen grundsätzlich finanzkräftigen Staat. Auch ohne fiskalische Probleme, die Riyad durch den niedrigen Ölpreis erwachsen, wäre das zu riskant. Darüber hinaus wird die Repression im Inland zweifellos dazu beitragen, dass sich die saudische Bevölkerung weiter vom Königshaus entfremden wird, wenn es nicht gar zu gewalttätigen Aufständen kommt. So oder so, durch die bestenfalls als ungeschickt zu bezeichnende Politik Salmans ist das Königreich an verschiedenen Fronten in Bedrängnis geraten. Auch im „Westen“ fragt man sich langsam, weshalb man eigentlich mit Saudi-Arabien verbündet ist, einem Staat, der den Jihadismus fördert, den man anschließend in Syrien und dem Irak bekämpfen muss.

Auf der anderen Seite herrscht gerade politisches Tauwetter zwischen der internationalen Gemeinschaft und der Islamischen Republik. Die Interessen zwischen dem Iran und dem „Westen“ sind aktuell, im Falle der beiden akutesten Brandherde des Nahen und Mittleren Ostens, grundsätzlich deckungsgleich. Im Irak unterstützt der Iran die Regierung, ebenso wie die USA. Ebenso bekämpft Teheran den sogenannten „Islamischen Staat“ im Irak und Syrien. Dennoch existieren fundamentale Differenzen, welche die USA erst ausräumen müssten: Zuvorderst die Israel-Frage, darüber hinaus im Bezug auf Bashar al-Assad, der Hizb’allah, der ägyptischen Muslimbruderschaft und den iranischen Antiamerikanismus/Antiimperialismus, der die Außenpolitik Teherans kennzeichnet.

Es mag schon sein, dass sich der Iran in diesen Punkten der US-amerikanischen Position in der nächsten Dekade annähert. Ebenso wahrscheinlich ist es allerdings, dass das Königreich völlig überfordert zusammenbricht. Die politische Zukunft des Hauses Saud ist in der Schwebe. Es kann leicht sein, dass, wie Ian Bremmer meinte, sich die Beziehungen zwischen USA und Saudi-Arabien drastisch verschlechtern, wenn sich die Ölmonarchie politisch wandelt. Dieser Wandel wird definitiv kommen; So, wie es aussieht, eher früher als später. Dessen Ergebnis könnte aber anders aussehen, als man es sich vielleicht wünschen mag: Eventuell hätten wir dann noch einen zerfallenen arabischen Staat.

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