Warum der Jemen plötzlich wichtig ist

Was macht ihn so besonders, diesen kleinen Staat am südlichen Rand der arabischen Halbinsel? Was hat der Jemen, in etwa eineinhalb mal so groß wie Deutschland, das ihn nicht nur für Saudi-Arabien, sondern neuerdings auch für Ägypten derart interessant macht, sodass eine Entsendung von Truppen als notwendig erachtet wird? Woher kommt dieses scheinbar urplötzliche Interesse?

Zunächst muss eines festgehalten werden: Das Interesse Saudi-Arabiens für den Jemen kommt keineswegs von Ungefähr. Schon länger beäugt man in Riad die Entwicklungen im südlichen Nachbarstaat, insbesondere seit Beginn des Arabischen Frühlings, mit Argwohn. Dies hat den simplen Grund, dass Saudi-Arabien in den meisten Staaten des Umbruchs einen zunehmenden Einfluss des Iran befürchtet. (Die große Ausnahme bildet Syrien, wo das Königreich die Oppositionskräfte gegen Bashar al-Assad unterstützt, da der syrische Diktator ein Verbündeter Teherans ist. Ironischerweise könnte gerade die Unterstützung beispielsweise des I.S. Assad in seiner Rolle als Präsidenten bestärken und den Einfluss des Irans sowohl in Syrien als auch im Irak fördern.) Auch im eigenen Land wurden beginnende Aufstände brutal unterdrückt.

Die saudische Jemen-Politik ist ebenfalls ein Ausdruck dieses Zugangs zum Arabischen Frühling. Nach dem Sturz des „Langzeitpräsidenten“ Ali Abdullah Salih, der 2012 ins Ausland geflohen ist, folgte ihm dessen Vizepräsident Hadi an die Spitze des Staates nach. Unterstützt vom Golf-Kooperationsrat sollte Hadi einer Regierung der nationalen Einheit und des nationalen Dialogs vorstehen. Dessen Politik zog allerdings 2013 und 2014 einen Aufstand der Huthi-Rebellen nach sich. Hadi floh aus Sana’a, zunächst nach Aden und anschließend nach Saudi-Arabien. Seit 2015 bombardieren die saudischen Streitkräfte Ziele im Jemen.

Die Huthis gehören dem schiitischen Islam an, sie sind Zayditen. Dies wird von vielen internationalen Medien als der primäre Grund dafür genannt, dass Saudi-Arabien oder der Iran im Jemen aktiv sind. Doch dieses Bild ist ein falsches; Wie bereits in anderen Konflikten muss auch im Jemen konstatiert werden, dass die Rolle der Religion im bestehenden Konflikt als völlig übertrieben dargestellt wird. Zunächst wird kolportiert, dass die Huthis vom Iran unterstützt werden, oftmals alleine aus dem Grund, da die Huthis, wie erwähnt, nun einmal Schiiten sind. Für diverse Medien reicht diese Tatsache als „Beweis“ oftmals bereits aus, doch die religiösen Überzeugungen der Zayditen unterscheiden sich recht stark von denen der iranischen Ausprägung der Schia. Religion allein spielt in diesem Fall keine wesentliche Rolle, sollte es ein politisches Bündnis zwischen den (recht pragmatischen) Huthis und Teheran geben, dann liegt dies daran, dass Saudi-Arabien die Gegner der Rebellen – also die Verbündeten Hadis – unterstützt. Der Kalte Krieg zwischen Riad und Teheran spielt im Jemen demnach durchaus eine Rolle, wenngleich das politische Gewicht des Iran im südlichen Nachbar Saudi-Arabiens eindeutig überschätzt wird.

Dennoch muss sich die saudische Führungsriege fühlen, als wäre ihr schlimmster Albtraum wahr geworden: Der Iran, der einen Fuß auf die arabische Halbinsel gesetzt hat. Die Furcht vor einer jemenitischen Hizb’allah in unmittelbarer geografischer Nähe zum Königreich. Die Tatsache, dass der Jemen primär saudisches Einflussgebiet ist, weswegen Veränderungen der politischen Landschaft in Riad von vornherein misstrauisch beäugt werden. Die wirtschaftliche Relevanz der Straße von Bab al-Mandab, jener Meerenge, die den Jemen und Djibouti voneinander trennt und durch die täglich 3,8 Millionen Barrel Erdöl verschifft werden. All diese Aspekte sind Teile eines enorm facettenreichen Bildes. Diese politische Lage, neben der Tatsache, dass die Huthis schnelle militärische Erfolge verbuchen und die Hauptstadt Sana’a erobern konnten, ist also der Grund, warum das Königreich seinen südlichen Nachbarn nicht nur bombardiert, sondern auch Bodentruppen abkommandiert hat – zwischen 2.000 und 10.000 Soldaten aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Qatar sollen sich bereits im Jemen aufhalten. (Auch ist diese Politik Kennzeichen der neuen „Salman-Doktrin“, nach der sich Saudi-Arabien in sicherheitspolitischen Angelegenheiten weniger stark auf die Vereinigten Staaten verlassen möchte.)

Für Ägypten ist die Situation allerdings anders gelagert. Hier dürften vor allem die saudisch-ägyptischen Beziehungen dafür ausschlaggebend gewesen sein, dass Ägypten sich überhaupt im Jemen engagiert. Dass Kairo nun 800 Soldaten auf die arabische Halbinsel schickt, kommt nicht allzu überraschend, ägyptische Offizielle haben Ähnliches bereits für den Fall angekündigt, dass die Luftschläge gegen die Huthi-Rebellen nicht den erhofften Erfolg bringen. Die politische Annäherung zwischen Riad und Kairo dürfte dabei an der Person Abd al-Fattah as-Sisis festzumachen sein, dereinst Verteidigungsattaché im Königreich. Dies liegt sicherlich auch an der angespannten Situation zwischen diesen beiden Staaten unter Muhammad Mursi, geschuldet der Tatsache, dass sich Muslimbrüder und Saudis nicht sehr grün sind – in den 1960er Jahren in Ägypten verfolgt, fanden viele aus der Bruderschaft Zuflucht in Saudi-Arabien, nur um später mit der Monarchie als Staatsform ideologisch zu brechen. Die konterrevolutionären Aktivitäten des ägyptischen Militärs kamen den Interessen des damaligen Königs Abdullah sicherlich sehr gelegen.

Nun führt eine breite internationale Koalition einen Kampf gegen die Huthis. Nicht nur Saudi-Arabien, die Emirate, Qatar und Ägypten nehmen daran teil, auch die USA unterstützen die Angriffe logistisch und mit geheimdienstlichen Informationen. Darüber hinaus hat der UN-Sicherheitsrat ein Waffenembargo gegen die Huthis verhängt – auf Betreiben Washingtons. Der Jemen ist, so gesehen, heute einer der Brennpunkte der arabischen Welt. Dazu gemacht hat ihn seine geografische Lage ebenso wie die Tatsache, dass die Konsequenzen der Jemen-Politik dieser internationalen Koalition nicht abzuschätzen sind. Der Norden des Landes ist stark tribal geprägt, die Huthis haben Allianzen mit diversen Stämmen geschlossen. Ein Eingriff in diese politische Konstellation, wie auch der Umsturz im Jahr 2011, könnte die gesamte politische Lage unwiderruflich aus dem Gleichgewicht bringen. Das würde weder für Sicherheit noch für Stabilität sorgen, lediglich dafür, dass radikale Kräfte aufgrund der katastrophalen Lage erstarken; Beispielsweise und vor allem al-Qaida auf der arabischen Halbinsel, einer der schärfsten Gegner der Huthis.

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Basu, Tanya (2015): Who are the Houthis?

Harrer, Gudrun (2014): Blutiger Kampf um die Kontrolle von Sanaa

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